In der Theorie ist Schafwolle ein perfekter Naturrohstoff. In der Praxis der Oberpfälzer Schafhalter:innen war sie über Jahrzehnte oft nur ein lästiges „Überbleibsel“. Ursula und Magdalena Wolf brechen diesen Teufelskreis auf: Mit ihrer Marke „Filz vom Wolf“, rund 1.000 Kilogramm geretteter Wolle pro Jahr und kompromissloser Handarbeit geben sie dem Material seinen Wert zurück.

Der Moment der Wahrheit kommt im Frühjahr. Wenn der Schafscherer kommt, bleibt oft ein Berg zurück, der in der modernen Agrarwirtschaft kaum noch einen Platz hat: Rohwolle. In Deutschland ist das Gold der bayerischen Wiesen oft nichts mehr wert und landet nicht selten im Müll.

Auf dem Hof der Familie Wolf in Kulmain (Landkreis Tirschenreuth) wollte man sich damit nicht abfinden. Seit ca. 30 Jahren leben und arbeiten Ursula und Magdalena Wolf hier in einem alten, renovierten Bauernhaus, das sich zu einem Ort für Kreativität und Begegnung entwickelt hat. Für sie ist Schafwolle kein „Überbleibsel“, sondern eine Leidenschaft. Mit „Filz vom Wolf“ beweisen sie, dass Wertschöpfung eine Frage der Haltung ist – und dass man den reinen Marktpreis irrelevant machen kann, wenn man die Würde des Rohstoffs wieder sichtbar macht.

Das Verschwinden der Strukturen

Die größte Hürde für „Filz vom Wolf“ ist dabei nicht der Wille, sondern die schwindende Infrastruktur. Wer heute in Bayern Wolle in professionellen Mengen waschen lassen möchte, sucht vergeblich. Früher war die Verarbeitung regional eingebunden, heute ist das Waschen von Rohwolle in Deutschland stark zurückgegangen.

Für die Wolfs bedeutet das einen spürbaren Mehraufwand. Allein im vergangenen Jahr wurden rund 600 Kilogramm Wolle nach Haslach in Österreich transportiert. Über drei Stunden Fahrt für eine saubere Faser. Es ist ein notwendiger Kompromiss, da in der Region keine Wäscherei mehr existiert, die diese Mengen verarbeitet. In Österreich fand man einen Partner, der als sozialökonomischer Betrieb die Werte von Ursula und Magdalena Wolf teilt. Dennoch bleibt die Erkenntnis: Um ein regionales Produkt zu retten, muss man die Region zeitweise verlassen.

Konsequent nachhaltig: Ursula und Magdalena Wolf retten in Kulmain (Landkreis Tirschenreuth) Schafswolle vor dem Abfalleimer. (Fotos: Ralph Gorges)

Harte Arbeit im „kleinen Paradies“

Wer den Werkstattladen in Kulmain besucht und die filigranen Hüte, Sitzkissen oder die „vegetarischen Schaffelle“ betrachtet, sieht die gestalterische Qualität. Doch die Realität hinter der Marke ist körperlich anstrengend. Gefilzt wird komplett von Hand, ohne Maschinen. Man spürt am Ende eines Tages unmittelbar, was man getan hat.

Diese Anstrengung ist Teil der Aufklärungsarbeit. Wenn Schulklassen, Eltern-Kind-Gruppen oder Camper:innen den Hof besuchen, erleben sie, wie viel Kraft in jedem Zentimeter Filz steckt. Die Kund:innen zahlen bei „Filz vom Wolf“ nicht für ein bloßes Accessoire, sondern für den Erhalt einer Kulturlandschaft. Denn die Schafe, deren Wolle hier verarbeitet wird, leisten oft Dienst in der Landschaftspflege – in Steinbrüchen, auf Magerwiesen oder bei der Beweidung von Photovoltaikanlagen.

Trotz des Erfolgs und einer treuen Stammkundschaft bleibt die Zukunft eine Herausforderung. Das Netzwerk bröckelt: Langjährige Partner:innen wie Teppichweber oder Gerber in der Umgebung denken ans Aufhören. Nachwuchs ist kaum in Sicht.

Rund 1.000 Kilogramm Wolle rettet das Projekt pro Jahr – 400 Kilogramm davon werden direkt am Hof ungewaschen verarbeitet, 600 Kilogramm gehen den Weg über die Wäscherei. Ursula und Magdalena Wolf haben es so geschafft, Schafhalter:innen eine Perspektive zu geben, die ihre Wolle sonst frustriert entsorgt hätten.

Ein kleines Paradies: Der Selbstversorgerhof der Wolfs in Kulmain im Landkreis Tirschenreuth (Foto: Sarah Schneller)

 

Es geht am Ende um mehr als um Filzprodukte. Es geht darum, der regionalen Schafwolle wieder den Platz in der Gesellschaft zu geben, den sie verdient hat. In Kulmain ist dieses Ziel bereits Realität geworden – an einem Ort, der für die Familie Wolf weit mehr ist als nur eine Werkstatt: ein Zuhause, ein Ort der Begegnung und ein Stück gelebte Oberpfälzer Innovation.

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