Was als digitale Notlösung im ersten Corona-Winter in einem Funkloch begann, füllt heute Kinosäle. Mit über einer Million Klicks und einer emotionalen Kinopremiere in Weiden beweist der Adventsfranz: Echte Innovation in der Oberpfalz braucht keine Hochglanz-Studios, sondern den Mut zur „unendlichen Selbstüberschätzung“ und ein bisserl Kunstschnee.

Es ist der 27. November 2025 im Kino „Neue Welt“ in Weiden. Draußen dampft der Glühwein, drinnen wird es dunkel. Als Franzi Glaser die ersten Töne von „Es wird scho glei dumpa“ anstimmt, passiert etwas, das man in keinem Business-Plan kalkulieren kann: Über 200 Menschen stimmen ein. Ein ganzer Kinosaal summt, singt und wird still zugleich. Minutenlange Standing Ovations folgen. Es ist der Startschuss für die sechste Staffel des „Adventsfranz“. In diesem Moment wird greifbar, dass dieses Projekt längst die Grenzen eines reinen Online-Formats gesprengt hat. Es ist ein Stück gelebte Heimatkunde im digitalen Zeitalter.

Der WLAN-Fail als Startschuss

Dabei war die Geburtsstunde des Formats alles andere als glanzvoll. Mitten im ersten Corona-Winter 2020 wollte Franzi Glaser die Menschen verbinden, als physische Treffen unmöglich waren. Die ursprüngliche Vision – ein Live-Stream aus der Küche von Mama Gerlinde – zerschellte jedoch an der harten digitalen Realität in Mitterhöll: Das WLAN war schlichtweg zu schlecht.

Aus diesem „Pain“ wurde eine Tugend: Wenn man nicht live senden kann, muss man eben produzieren. Ohne jegliche TV-Erfahrung stampfte die „Schabernackl Crew“ – ein Team aus Familie und Freunden – den Adventsfranz aus dem Boden. Gearbeitet wurde mit privaten Fotokameras, der Cutter lernte sein Handwerk während des Prozesses. Es war das Prinzip „Versuch und Irrtum“, das heute als Best-Practice für modernes, authentisches Regionalmarketing gelten kann.

Hinter der Leichtigkeit, mit der der Adventsfranz über die Bildschirme flimmert, steckt ein Kraftakt, den man dem Format nicht ansieht – und das ist wohl das größte Kompliment und gleichzeitig die größte Last für das Team. 2020 startete Franzi Glaser noch als „Einzelkämpferin“ und finanzierte die erste Staffel komplett aus eigener Tasche. Es war eine Investition in ein Lächeln für die Region, nicht in eine Bilanz.

Doch mit dem Erfolg wuchsen die Anforderungen. Was als Crowdfunding-Experiment begann, hat sich heute zu einem Netzwerk aus regionalen Partnern entwickelt, die das Projekt stützen. Dennoch: Die Währung, mit der der Adventsfranz bezahlt wird, ist nach wie vor Herzblut. Ein Großteil der Arbeit geschieht ehrenamtlich, nach Feierabend, zwischen Alltag und Familie.

Ohne jegliche TV-Erfahrung stampfte die „Schabernackl Crew“ – ein Team aus Familie und Freunden – den Adventsfranz aus dem Boden – daheim in Mamas Küche. (Foto: Kathi Glaser)

Wenn Leidenschaft an ihre Grenzen stößt

Wenn das Team heute mit seinen Notizen in Mamas Küche sitzt, während diese den Schweinebraten serviert, wird nicht nur gelacht – hier wird hart gearbeitet, leidenschaftlich gestritten und um jede Minute Zeit gerungen. Der Sprung vom Hobby-Projekt zur millionenfach geklickten Medienmarke hat seinen Preis. „Wir schaffen das nicht mehr allein im kleinen Kreis“, gesteht Glaser offen. Es ist der klassische Moment eines jeden großen Wurfs: Der Punkt, an dem aus dem familiären Kern eine professionelle Struktur wachsen muss, um den Zauber von Mitterhöll für die Zukunft zu bewahren.

„Brutkasten-Effekt“: Dialekt trifft Hip-Hop

Der wahre Impact des Adventsfranz liegt jenseits der YouTube-Klicks. Das Format fungiert als kultureller Brutkasten der Region. In Mamas Küche treffen Welten aufeinander, die sich sonst kaum begegnen würden: Biersommelière Samira Gietl sitzt neben Kabarett-Urgestein Toni Lauerer, das Rap-Duo Liquid & Maniac trifft auf traditionelle Stubenmusik.

„Hier entstehen Begegnungen, die bleiben – manchmal ein Leben lang“, sagt Franzi Glaser. Diese Netzwerk-Rendite ist messbar: Künstler wie die Hulzstoussboum fanden durch die Show den Sprung in den Bayerischen Rundfunk, Unternehmen vernetzten sich neu, und die Stadt Weiden erlebte Kinopremieren, die es in dieser Form zuvor nicht gab. Ob eigenes Bier oder regionale Puzzles – das Team nutzt seine „unendliche Selbstüberschätzung“, um Ideen einfach auszuprobieren.

Gelungene Kino-Premiere des Adventsfranz 2025 in Weiden (Foto: Kathi Glaser)

Der Adventsfranz ist heute mehr als eine Sendung; er ist ein Treffpunkt und eine Tradition geworden. Um nicht unter der Last der eigenen Relevanz zu brechen, sucht das Team nun gezielt nach Verstärkung im Bereich Social Media und Schnitt.

Die Strategie für die Zukunft bleibt dabei so simpel wie effektiv: „Immer auf den Bauch hören und keine Angst vorm Scheitern haben“, sagt Franzi Glaser. Es geht darum, die Leichtigkeit zu bewahren, während die Strukturen professioneller werden müssen. Eines wird sich jedoch nie ändern: Der Drehort. Denn am Ende ist es genau diese Mischung aus High-End-Reichweite und dem Geruch von Mamas Küche in Mitterhöll, die den Adventsfranz so unverwechselbar macht. Es fühlt sich einfach an wie nach Hause kommen.

 

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