Was passiert, wenn man die effizienteste Architektin der Natur – die Wespe – ins Labor bittet? In Regensburg hat Philipp Goth ein Material entwickelt, das die Regeln der Industrie bricht: Es ist unberechenbar, es ist vergänglich und es kommt direkt aus den Wäldern der Oberpfalz.
Der Weg zur Innovation führt oft durch eine Sackgasse. Bei Philipp Goth war diese Sackgasse exakt so breit wie die Düse eines 3D-Druckers. Während die Industrie nach Perfektion strebt, kämpfte Goth mit einer Masse, die einfach nicht so wollte wie er: Die flüssigen Bestandteile setzten sich ab, die festen Partikel verstopften das System. Das Ergebnis waren keine glatten Oberflächen, sondern enttäuschende Klumpen.
Doch genau hier liegt der Kern von VESPULA. Goth wollte keine tote Plastikwelt erschaffen, sondern ein lebendiges Biokomposit, das auf dem Prinzip des Nestbaus von Papierwespen basiert.
Rohstoffe aus der Nachbarschaft
Der Ursprung von VESPULA liegt in den Werkstätten der Region. Wo in der Oberpfälzer Primärverarbeitung gehobelt wird, fallen Späne an. Goth nutzt Säge- und Schleifreste direkt aus der Holzwerkstatt seiner Fakultät und von einer befreundeten Zimmerei. Es sind Rohstoffe, die normalerweise im Ofen landen würden.
Er bindet diesen Holzstaub mit einer eigens entwickelten Matrix auf Proteinbasis. Das Ergebnis ist ein Material, das zu 100 Prozent aus natürlichen, kompostierbaren Stoffen besteht. Keine chemischen Kleber, kein Formaldehyd – VESPULA ist Natur, die durch Technik in Form gebracht wird.
Für einen klassischen Ingenieur klingt das Projekt wie ein Albtraum: Das Material verzieht sich beim Trocknen, bildet Risse und reagiert individuell auf jede Verarbeitung. Doch für Goth ist das kein Mangel, sondern der Clou. „Was in der Industrie als Nachteil gilt, wird hier bewusst als gestalterische Qualität genutzt“, erklärt er.
Das Material fordert den Gestalter heraus. Es zwingt ihn, die totale Kontrolle abzugeben und die natürliche Verformung in den Entwurf einzubauen. Damit wird jedes Objekt zu einem Unikat, das seine eigene Entstehungsgeschichte erzählt.

Material mit Charakter
Wer VESPULA anfasst, spürt die Verwandtschaft zum Holz. Es fühlt sich warm und fest an. Nach einem feinen Schliff entwickelt es eine samtartige Oberfläche, die in ihrer Ruhe an edle Hölzer erinnert. Der Geruch? Ein dezentes Echo der Zimmerei, aus der die Späne stammen.
Doch VESPULA ist ehrlich: Es verschweigt seine Vergänglichkeit nicht. Kommt es dauerhaft mit Wasser in Berührung, setzt der Zersetzungsprozess ein. Was zunächst nach einem Nachteil klingt, ist in Wahrheit ein Versprechen: Dieses Material hinterlässt keine Spur auf dem Planeten. Nach der Nutzung wandert es zurück in den Kreislauf – etwa als nährstoffgebendes Pflanzgefäß, das einfach mit der Pflanze in der Erde verrottet.

Der Blick nach vorn
Philipp Goth sieht VESPULA in zwei Jahren noch nicht in der Massenfertigung von Küchenzeilen. Der Mehrwert liegt aktuell im Experiment: In der Ausstellungsgestaltung, im Modellbau oder in der Lehre. Dort, wo wir lernen müssen, wieder verantwortungsvoller mit Ressourcen umzugehen.
VESPULA ist mehr als nur ein Biowerkstoff aus der Oberpfalz. Es ist eine Einladung, die Natur nicht nur als Ressourcenlager zu sehen, sondern als Lehrmeisterin für Effizienz und Ästhetik.
Fehlversuche am 3D-Drucker:
Gelungene Druckversuche:
3D-Druck im Video:










