In der Theorie ist Sportausrüstung ein Schutzschild für alle. In der Praxis der Sportlerinnen war sie über Jahrzehnte oft ein schmerzhafter Kompromiss aus schlechter Passform und männlichen Standards. Beatriz Jerez bricht diese „Unisex-Lüge“ auf: Mit parametrischem Design, High-Tech aus dem 3D-Drucker und einem tiefen Verständnis für die weibliche Anatomie entwickelt sie einen Brustschutz, der sich nicht dem Markt, sondern dem Körper anpasst.

Es gibt diesen Moment im Kampfsport, in dem die Welt auf wenige Zentimeter schrumpft. Der Gegner setzt an, die Deckung muss stehen, der Körper fungiert als Schild. Doch für Frauen im Kontaktsport ist dieser Schild oft mangelhaft. Nicht, weil es an Mut fehlt, sondern weil die Rüstung nicht passt. Beatriz Jerez, Absolventin der OTH Regensburg, will das ändern. Sie entwickelt keinen neuen Sport-BH, sondern ein maßgeschneidertes Schutzsystem, das eine jahrzehntelange Leerstelle in der Sportindustrie füllt.

Das Bild der „Einheitsgröße“ bröckelt

Wer Beatriz nach dem Ursprung ihrer Idee fragt, hört keine theoretische Abhandlung, sondern eine Erzählung von permanenter Anpassung. Schon als Kind auf den Fußballplätzen der Region lernte sie, sich in Ausrüstung zu bewegen, die nie für Mädchenkörper gedacht war. „Mädchen haben sich früh an Missstände angepasst“, stellt sie fest. Man trug eben zwei oder drei Sport-BHs übereinander, um Stabilität zu erzwingen, wo das Produkt versagte.

Eine Umfrage unter 110 Frauen, die Jerez im Rahmen ihrer Bachelorarbeit durchführte, bestätigte diesen blinden Fleck: Viele Sportlerinnen bemerkten erst durch ihre Fragen, dass das Unwohlsein mit der Ausrüstung kein individuelles Pech ist, sondern ein systemisches Problem. Es ist die gelebte Realität des sogenannten „Gender Data Gap“ – Produkte, die auf männlichen Durchschnittswerten basieren, werden Frauen als „Unisex“ verkauft.

Beatriz Jerez lernte schon als Kind auf den Fußballplätzen, sich in Ausrüstung zu bewegen, die nie für Mädchenkörper gedacht war. Jetzt will sie das ändern. (Fotos: Beatriz Jerez)

Von Schuppen und Sackgassen

Der Weg zur Innovation verlief alles andere als geradlinig. Jerez suchte anfangs Inspiration in der Bionik. Fische oder Schuppentiere wie der Pangolin dienten als Vorbilder für eine Struktur, die gleichzeitig hart und beweglich ist. Doch was in der Evolution funktioniert, scheiterte am 3D-Drucker: Die komplexe Krümmung der weiblichen Brust ließ sich nicht mit starren Schuppen überziehen, ohne die Atmung oder den Bewegungsradius massiv einzuschränken.

Statt auf Schuppen setzte sie schließlich auf intelligente Geometrie: Ein Netz aus winzigen Dreiecken. Der Clou: Dreiecke sind in sich stabil, aber als Netz so beweglich, dass sie sich wie eine zweite Haut an jede Kurve des Körpers anschmiegen. Über ein Computerprogramm – das sogenannte parametrische Design – lässt sich dieses Netz nun für jede Frau individuell berechnen, egal welche Körperform oder Asymmetrie vorliegt.

High-Tech aus dem Labor der OTH

Die Umsetzung dieses Projekts ist ein Paradebeispiel für regionale Innovationskraft. An der OTH Regensburg fand Jerez die nötige Infrastruktur: den Zugang zu modernen 3D-Druckern. In unzähligen Testreihen experimentierte sie mit Filamenten und suchte die perfekte Balance zwischen Schlagabsorption und Tragekomfort. Die Kosten für die Materialien trug sie dabei selbst – ein persönliches Investment in eine Idee, deren Relevanz sie in lokalen Taekwondo-Studios validierte.

Das Ergebnis ist ein Protektor, der separat in einem Sport-BH getragen wird, wobei der Stoff als schützende Schicht zwischen Haut und Kunststoff fungiert

 

Was Jerez hier entwickelt hat, ist mehr als ein funktionales Stück Kunststoff. Es ist ein Werkzeug für mehr Gleichberechtigung im Leistungssport. Wenn die Ausrüstung funktioniert, kann der Fokus auf der Leistung liegen – und nicht auf der ständigen Korrektur der Passform.

Doch die Wirkung geht über den Ring hinaus: Das Projekt hat einen Raum für Austausch geschaffen über Themen wie Menstruation und Körpermerkmale, die im Sport oft noch tabuisiert werden. Jerez hat das Unsichtbare sichtbar gemacht.

Der Blick über den Tellerrand

Wie geht es weiter? Die nächsten zwei Jahre stehen im Zeichen der harten Praxis. Ein Testlauf mit Boxerinnen in Regensburg soll zeigen, wie sich das Material unter Extrembedingungen verhält. Doch Jerez denkt bereits größer: Der Ansatz der passgenauen Schutzkleidung lässt sich skalieren – von kugelsicheren Westen bis hin zu medizinischen Protektoren nach Operationen.

Beatriz Jerez hat bewiesen, dass man keine globalen Design-Teams braucht, um die Standards einer ganzen Industrie zu hinterfragen. Man braucht eine präzise Beobachtung, ein Labor an der OTH und den Mut, den Status Quo so lange zu biegen, bis er endlich passt.

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