Wenn etablierte Kulturorte vor dem Aus stehen, folgt meist das immer gleiche Muster: Pachtende, Leerstand oder eine Luxussanierung. In der Regensburger Keplerstraße hat man sich für einen anderen Weg entschieden. Seit September 2024 wird die Kneipe „Büro“ als Genossenschaft geführt. Ein Modellversuch über die Frage, ob Gastronomie ohne klassische Chef-Struktur langfristig funktionieren kann.
Es gibt Orte, die verschwinden leise. Und es gibt Orte, bei denen die Gemeinschaft erst merkt, was sie verlieren würde, wenn das Licht auszugehen droht. Das „Büro“ in der Regensburger Keplerstraße gehört zur zweiten Kategorie. Jahrelang war die Kneipe ein Ankerpunkt der Subkultur, ein Ort für Konzerte und Abende, die selten nach Plan verliefen. Als klar wurde, dass der Betrieb in seiner bisherigen Form nicht weitergeführt werden konnte, stand mehr als ein Gastronomiebetrieb auf dem Spiel: Es ging um einen sozialen Raum.
Vom Kneipenbetrieb zur kollektiven Verantwortung
Statt eines klassischen Betreiberwechsels entstand eine mutige Idee: Was wäre, wenn dieser Ort nicht mehr Einzelnen gehört, sondern allen? Die Antwort darauf ist heute die Kneipe Büro Regensburg eG. Seit September 2024 wird der Betrieb als Genossenschaft geführt, getragen von aktuell 111 Mitgliedern.
Das Prinzip ist ökonomisch zugänglich gestaltet: Ein Anteil kostet 100 Euro, ergänzt durch einen monatlichen Beitrag von fünf oder zehn Euro, den jedes Mitglied selbst wählen kann. Diese Struktur bildet das finanzielle Rückgrat des Projekts. Dabei bricht die Genossenschaft mit klassischen Hierarchien. Während strategische Fragen gemeinschaftlich diskutiert werden, verantwortet ein gewählter Vorstand den laufenden Betrieb. So entsteht ein Gleichgewicht zwischen Mitbestimmung und Alltagstauglichkeit: Viele entscheiden mit, aber der Zapfhahn läuft trotzdem.
Der Weg dorthin war kein Selbstläufer. Die größte Herausforderung war nicht die Idee, sondern die Umsetzung unter massivem Druck. Eine Genossenschaft zu gründen bedeutet rechtliche Prüfungen und komplexe Strukturen – und das in einer Phase, in der die Zeit knapp war, um den Betrieb überhaupt zu sichern. Der eigentliche „Endgegner“ war die Kombination aus diesem Zeitdruck und dem notwendigen Kapitalbedarf. Dass es gelang, lag am Vertrauen der Community in die Idee, dass Nachtleben auch kollektiv organisiert werden kann.

Ein Raum mit Haltung
Heute definiert sich das Büro als queersensibler Safer Space – ein Ort, an dem sich Besucher:innen unabhängig von Identität oder Orientierung sicher und respektiert fühlen sollen. Grundlage ist ein Code of Conduct und eine eigene Awareness-AG, die aktiv für ein sensibles Umfeld sorgt. Diskriminierung und Ausgrenzung werden hier nicht als Randnotiz, sondern als zentrale Verantwortung aller Beteiligten behandelt.
Auch das ökonomische Handeln folgt einer solidarischen Logik, die im Baralltag sichtbar wird. Beim „Monatsbier“ fließen pro verkaufter Flasche 50 Cent an gemeinnützige Organisationen. Zudem veranstaltet das Büro regelmäßig „Solitresen“, deren Einnahmen sozialen oder politischen Initiativen zugutekommen. Ein Preiskonzept mit vergleichsweise günstigen Preisen und kostenlosem Leitungswasser soll zudem den Konsumzwang minimieren und den Ort für alle zugänglich halten.
Scheitern als Teil des Prozesses
Dass in einem Kollektiv nicht alles reibungslos läuft, gehört zum Konzept. Ein Beispiel war der „Metal-Mittwoch“, der als festes Format nicht wie erhofft angenommen und schließlich wieder verworfen wurde. Solche Erfahrungen gelten im Büro nicht als Scheitern, sondern als Teil eines offenen Prozesses. Wo viele Menschen beteiligt sind, braucht es die Freiheit, Formate zu verändern oder wieder verschwinden zu lassen.
Die Geschichte des Büros ist kein klassisches Heldenepos, sondern ein Beispiel für geteilte Verantwortung. Es zeigt, dass Gastronomie anders gedacht werden kann: nicht als maximale Gewinnmaschine, sondern als langfristig gesicherter, gemeinschaftlicher Raum. Das Büro gehört heute nicht mehr wenigen, sondern allen, die Teil davon sind. Und genau das macht in der Regensburger Stadtkultur den entscheidenden Unterschied.






