Druck ist in der Medizintechnik oft ein abstraktes physikalisches Maß. Für Menschen im Rollstuhl ist er eine ständige Gefahr. Ein Team aus Regensburg arbeitet daran, dass aus dieser Gefahr kein Schaden mehr entsteht – mit einem Sitzkissen, das mitdenkt, bevor es wehtut.

Wer über Innovation in der Oberpfalz spricht, landet oft bei Automobilzulieferern oder Maschinenbau-Riesen. Doch die spannendsten Entwicklungen finden manchmal dort statt, wo Technologie auf ein zutiefst menschliches Problem trifft. Im OTH Startup Lab in Regensburg arbeitet das Team von Curaris Health an einer Lösung für eine der schmerzhaftesten Begleiterscheinungen eingeschränkter Mobilität: den Dekubitus.

Ein Problem, das im Verborgenen bleibt

Ein Dekubitus – das Druckgeschwür – entsteht schleichend. Wo Haut und Gewebe durch langes Sitzen oder Liegen kontinuierlich belastet werden, wird die Durchblutung gestört. Was harmlos mit einer Rötung beginnt, kann in schweren Fällen in tiefen, chronischen Wunden enden. „Für Menschen mit eingeschränkter Mobilität bedeutet dies nicht nur körperliche Belastungen, sondern auch erhebliche Einschränkungen in Lebensqualität und Selbstständigkeit“, erklärt Emily Kolein von Curaris Health.

Die Initialzündung für das Startup war keine rein theoretische Marktanalyse. Entstanden im Masterstudiengang Digital Entrepreneurship an der OTH Regensburg, war der Antrieb des Teams von Anfang an die Lösung eines gesellschaftlich relevanten Problems. „Wir haben festgestellt, dass präventive Maßnahmen im Alltag oft an fehlender Unterstützung, organisatorischen Hürden oder den Grenzen vorhandener Hilfsmittel scheitern“, so Kolein. Die Vision: Prävention darf keine zusätzliche Last sein. Sie muss unauffällig im Hintergrund funktionieren, ohne den Alltag von Betroffenen oder Pflegekräften durch mühsame Checklisten oder manuelles Umlagern zu belasten.

Bisherige Lösungen auf dem Markt sind oft statisch. Ein klassisches Kissen federt zwar ab, erfordert aber eine regelmäßige manuelle Korrektur der Sitzposition durch die Pflegekraft oder den Betroffenen selbst. Curaris Health bricht mit diesem passiven Ansatz. Das Ziel ist ein modulares System, das Druckbelastungen nicht nur misst, sondern aktiv darauf reagiert.

Wenn das Kissen zum Assistenten wird

Der technologische Kern ist eine Kombination aus Sensorik, Steuerlogik und adaptiver Anpassung. In Echtzeit werden Belastungsspitzen erkannt. „Unser Ziel ist eine technische Lösung, die präventive Maßnahmen im Alltag unterstützt, ohne bestehende Routinen zu stören“, betont Kolein.

Ein medizinisches Gerät muss zuverlässig funktionieren, aber ein Sitzkissen muss vor allem eines: bequem bleiben. (Fotos: Curaris Health)

Zwischen Labor und Zulassung

Doch hier liegt auch die größte Herausforderung: Der Übergang von der Theorie in die hochregulierte Welt der Medizintechnik. „Zwischen einer Konzeptidee und einer belastbaren, nutzerorientierten Lösung liegen zahlreiche Entwicklungs- und Abstimmungsschritte“, gibt Kolein offen zu. Das Dilemma der Hardware: Ein medizinisches Gerät muss hochpräzise Technik beherbergen, aber ein Sitzkissen muss für den Nutzer unsichtbar und bequem bleiben. Die Integration von Kabeln, Sensoren und Luftkammern darf den Sitzkomfort nicht beeinträchtigen – ein technologischer Spagat zwischen harter Rechenpower und weichem Wohlbefinden.

Der Weg zur Innovation führt in dieser Branche unweigerlich durch ein Dickicht aus Regulatorik und Validierung. Das Team befindet sich aktuell in der Phase der Prototypenentwicklung. Es geht darum, das System so kompakt und robust zu bauen, dass es nicht nur im Labor, sondern im harten Alltag eines Rollstuhlfahrers bestehen kann.

Dabei dient die Oberpfalz als entscheidendes Ökosystem. „Durch das Umfeld der OTH Regensburg erhalten wir wertvolle Impulse für die Weiterentwicklung unserer Idee“, sagt Kolein. Doch die Hürden sind hoch. Medizintechnik erfordert massive Ressourcen für die Zertifizierung als offizielles Hilfsmittel. „Die Anforderungen an Entwicklung, Validierung und Zulassung sind besonders hoch, was sich auch im Ressourcenbedarf widerspiegelt“, erklärt sie mit Blick auf die geplante Aufnahme in den Hilfsmittelkatalog der Krankenkassen.

Das Team von Curaris Health (Foto: Curaris Health)

 

Curaris Health ist mehr als ein technisches Projekt. Wenn das System in den kommenden zwölf Monaten die Marktreife erreicht, könnte es den Pflegealltag nachhaltig verändern. Es nimmt den ständigen Kontrollzwang aus dem System. „Eine solche Lösung kann dazu beitragen, bestehende Versorgungsansätze sinnvoll zu ergänzen und sowohl Nutzer:innen als auch das pflegerische Umfeld zu entlasten“, so Koleins Ausblick.

Das Projekt zeigt exemplarisch, wie aus der Hochschule heraus Innovationen entstehen, die nicht auf den schnellen Profit schielen, sondern eine echte Versorgungslücke schließen wollen. In der Oberpfalz wird hier an einer Zukunft gebaut, in der Prävention nicht mehr reaktiv erfolgt, sondern vorausschauend – bevor der Schmerz überhaupt entstehen kann.

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