Tradition trifft auf Familienalltag – und geht dabei manchmal in die Brüche. In Ursensollen im Landkreis Amberg-Sulzbach nahm Lena Graml ein zerbrochenes Honigglas zum Anlass, das „flüssige Gold“ der Oberpfalz radikal neu zu denken. Mit „be[e] squeeze“ befreit sie das Naturprodukt aus der schweren Glas-Hülle und macht es fit für Rucksack und Sporttasche.

In der Imkerei gilt das Glas als unantastbares Heiligtum. Doch in einer KITA in Ursensollen zerschellte dieses Heiligtum im Juni 2024 im Kinderrucksack, beim (etwas unsanften) Abstellen durch die Tochter. Scherben vermischten sich mit klebriger Süße – ein Sicherheitsrisiko im morgendlichen Trubel, das Lena Graml zum Umdenken zwang. Die dreifache Mutter und Hobbyimkerin erkannte in diesem Moment: Ein jahrhundertealtes Naturprodukt scheitert an der pragmatischen Realität des modernen Familienalltags. Sie entwarf eine Idee, die den Honig dorthin bringt, wo das schwere Glas kapituliert: in den Rucksack, die Sporttasche oder den Wanderproviant, und das handlich und praktisch, auch für Kinderhände.

Der Bruch als unternehmerischer Motor

Die Entstehung von be[e] squeeze war kein sanfter Übergang, sondern folgte auf einen harten beruflichen und privaten Umbruch. Während Lena Graml im Wanderurlaub die ersten Prototypen testete – Honig, den sie mühsam per Trichter in Neutalbeutel gefüllt hatte –, verkündete ihr der neue Arbeitgeber am Telefon die Kündigung nach der Probezeit. Was als schmerzhafter Urlaubsauftakt begann, verwandelte Graml in pure Entschlossenheit. Gemeinsam mit ihrem Mann entwickelte sie noch im Urlaub den Namen und das Konzept, um die regionale Imkerei aus ihrer „Glas-Starre“ zu befreien.

Die technische Umsetzung erwies sich als weitaus komplexer als die bloße Vision. Honig ist ein lebendiges Naturprodukt; er reagiert auf Temperatur, Rührzeiten und Sorte höchst individuell. Eine passende Abfüllanlage für kleine, handwerklich arbeitende Chargen bot der Markt nicht von der Stange an. Graml entwickelte deshalb eigene Prozesse, um an einem einzigen „Honigtag“ bis zu sechs verschiedene Sorten – von Imkern aus Amberg bis Schnaittenbach – frisch und hygienisch abzufüllen. Die penible Reinigung der Anlagen zwischen den Durchgängen und die exakte Zeitplanung bestimmen dabei die Qualität des Endprodukts.

Die Innovation des Quetschbeutels löst vor allem ein hygienisches Alltagsproblem: Sie eliminiert das „Buttermesser-Phänomen“. Da der Honig direkt dosiert wird, gelangen keine Fremdstoffe wie Krümel oder Butterreste in das Gefäß. Zudem nutzt das System die physikalischen Vorteile des Materials: Der Beutel leitet Wärme besser als Glas. Kristallisiert der Honig – ein natürlicher Vorgang –, verflüssigt ein kurzes warmes Wasserbad den Inhalt innerhalb weniger Minuten und macht ihn wieder perfekt portionierbar.

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Realitätscheck: Lehrgeld im digitalen Dschungel

Der Weg in die Selbstständigkeit forderte im zweiten Jahr vollen Einsatz. Von der ersten Skizze bis zum verkaufsfertigen Beutel investierte Lena Graml sechs Monate intensiver Vorbereitung. In dieser Phase wurde aus der Hobby-Imkerin eine Unternehmerin, die auch die finanziellen Risiken abwägen musste.

Lena Graml beschreibt die Bedeutung der nötigen Starthilfe so: „Ohne den Gründungszuschuss, den ich ein Jahr lang erhalten habe, hätte ich die Idee wohl nicht umgesetzt. Mit drei Kindern und dem damit verbundenen Sicherheitsbedürfnis hätte ich diesen Schritt nicht gewagt.“ Neben der Finanzierung warteten weitere Hürden: Die technische Produktion beherrschte Graml schnell, doch die digitale Sichtbarkeit bereitete Kopfzerbrechen. Sie unterschätzte zunächst den Aufwand für SEO- und Metadaten-Pflege; erst nach einem halben Jahr optimierte sie den Onlineshop eigenhändig für Suchmaschinen.

Auch die ökologische Debatte greift sie aktiv auf. Während das Glas als Inbegriff der Nachhaltigkeit gilt, setzt be[e] squeeze auf eine ehrliche Bilanz: Das extrem geringe Verpackungsgewicht reduziert den CO₂-Ausstoß beim Transport massiv, zudem spart der Versandhandel aufwendige Polsterungen gegen Glasbruch ein. Das nächste Ziel steht bereits fest: Der Umstieg auf ein komplett recyclefähiges Monomaterial soll den ökologischen Fußabdruck weiter minimieren.

Ein neuer Weg für den regionalen Honig

be[e] squeeze fungiert heute als moderner Vertriebskanal für die Hobbyimkerei der Region. Lena Graml bezieht das Rohprodukt von Partnern aus Amberg, Kastl, Schnaittenbach und Ursensollen. Viele dieser Imker pflegen ihre Völker mit Leidenschaft, scheuen aber den immensen administrativen Aufwand für Vermarktung. Das Modell der Ursensollnerin übernimmt diese letzte Meile und sichert so die regionale Wertschöpfung. Die Transparenz bleibt dabei gewahrt – jede Sorte lässt sich ihrer Herkunft in der Oberpfalz klar zuordnen.

Die Ziele für die nahe Zukunft stehen fest. Im Umkreis von 30 Kilometern will Lena Graml sämtliche Edeka-Märkte erreichen und persönlich beliefern. Parallel dazu professionalisiert sie die eigene Produktion durch eine neue 6-Waben-Automatikschleuder, um die steigende Nachfrage zu bedienen. Die Geschichte von be[e] squeeze beweist: Innovation entsteht oft dort, wo Tradition an Praktikabilität scheitert.

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